
Im Schatten des Wirecard-Skandals versuchen zahlreiche Anleger, Schadenersatz von den ehemaligen Managern des Unternehmens und dem Wirtschaftsprüfer EY zu erhalten. Ein aktuelles Urteil des Bayerischen Obersten Landesgerichts (BayObLG) hat nun jedoch der Hoffnung auf Entschädigung einen Dämpfer versetzt, indem es EY aus dem Kapitalanleger-Musterverfahren (KapMuG) ausgeschlossen hat. Die Richterin Andrea Schmidt argumentierte, dass die gegen EY erhobenen Vorwürfe im Rahmen des KapMuG nicht statthaft seien. Laut dewezet.de stammen die beanstandeten Bilanzen und Testate direkt von Wirecard und seien nicht als öffentliche Kapitalmarktinformationen von EY zu werten.
Das KapMuG, das 2005 eingeführt wurde, zielt darauf ab, Anlegerrechte zu stärken und Klagen gegen große Unternehmen zu bündeln. Im Fall Wirecard sind es rund 19.000 Anleger, deren Forderungen sich auf mehr als acht Milliarden Euro belaufen. Obwohl rund 8.700 Klagen aktuell in München anhängig sind, sind diese Verfahren solange ausgesetzt, bis das Musterverfahren abgeschlossen ist. Dabei hatten die Anleger gehofft, über das KapMuG eine Klarheit über ihre Ansprüche zu erreichen.
Auswirkungen der Entscheidung
Die Entscheidung des BayObLG könnte für die Kläger schwerwiegende Folgen haben. Rechtsvertreter kritisieren das Urteil und kündigen an, vor den Bundesgerichtshof (BGH) zu ziehen. Ein solcher Rechtsstreit kann sich über Jahre hinziehen. Die Klägeranwälte forderten zuletzt zusätzliche Feststellungsziele, um weitere Ansprüche zu klären, jedoch wurde festgestellt, dass alle Vorwürfe gegen EY ausgeschlossen sind. Dies hat die Aussichten auf eine erfolgreiche Klage gegen den Prüfer erheblich geschmälert.
Der Musterkläger Kurt Ebert hat durch die Pleite der Wirecard AG über eine halbe Million Euro verloren und wird von der Kanzlei Mattil und Dr. Elmar Vitt vertreten. Die Kläger werfen EY vor, gegen Prüfpflichten verstoßen zu haben, während die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft die Schadensersatzklagen als unbegründet abwehrt. Laut lto.de bleibt unklar, ob EY tatsächlich für Kursverluste der Wirecard-Aktionäre Schadenersatz leisten muss, da die Bestätigungsvermerke nicht als Kapitalmarktinformation im Sinne des KapMuG gelten.
Der Kontext des Wirecard-Skandals
Wirecard meldete 2020 Insolvenz an, nachdem herauskam, dass 1,9 Milliarden Euro an Bankguthaben nicht existierten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte EY die Geschäftszahlen ohne Einschränkungen testiert. Anlegeranwälte argumentieren, dass EY die Unregelmäßigkeiten hätte bemerken müssen. Die regulatorische Rahmenbedingungen um das KapMuG wurden im Jahr 2024 reformiert, erlauben nun dennoch Klagen gegen Wirtschaftsprüfer, jedoch schützen die neuen Regeln die alten Verfahren nicht, sodass die Haftung von EY vertraglich nicht geklärt werden kann.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Komplexität und die rechtlichen Hürden des KapMuG-Verfahrens es für die geschädigten Anleger von Wirecard immens schwierig machen, Gerechtigkeit zu erlangen. Auch wenn das Musterverfahren fortgeführt wird, bleibt die Frage der Haftung von EY und den ehemaligen Wirecard-Managern weiterhin ungeklärt, was viele Anleger in ihrer Hoffnung auf Entschädigung stark verunsichert.