
Die WHO warnt vor einer alarmierenden Zunahme von Antibiotika-resistenten Keimen, die zunehmend zu einer Bedrohung für die öffentliche Gesundheit werden. Besonders besorgniserregend sind die multiresistenten Bakterien, die gegen viele Standardtherapien resistent sind. Ein international tätiges Forschungsteam der Universität Konstanz und der Universität Wien hat nun Fortschritte bei der Bekämpfung eines dieser Erreger gemacht: Neisseria gonorrhoeae, bekannt als der Erreger der Geschlechtskrankheit Gonorrhö (Tripper). Die Ergebnisse dieser bahnbrechenden Studie sind kürzlich im Fachmagazin Nature Microbiology veröffentlicht worden, wobei die Identifizierung einer neuen Substanz gegen N. gonorrhoeae im Mittelpunkt steht.
Neisseria gonorrhoeae gehört zu den kritisch eingestuften Erregern auf der von der WHO veröffentlichten Liste problematischer Bakterien. Diese Liste ist in Kategorien wie „kritisch“, „hochproblematisch“ und „problematisch“ unterteilt. Besonders gefährlich sind Stämme, die gegen alle gängigen behandelten Antibiotika, einschließlich Penicillin, Ciprofloxacin und Azithromycin, resistent sind. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit jährlich über 78 Millionen Menschen an Gonorrhö erkranken. Die Daten zeigen, dass sich die Resistenz gegen Antibiotika, insbesondere gegen erweiterte Cephalosporine (ESC) wie Ceftriaxon, in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert hat. Multiresistente Stämme, die sowohl gegen ESC als auch Azithromycin resistent sind, wurden bereits isoliert, was die Behandlung dieser Infektion erheblich erschwert.
Neue Ansätze zur Bekämpfung von Gonokokken
Das Forschungsteam aus Konstanz und Wien identifizierte neuartige Wirkstoffe aus der Klasse der Alkyl-Quinolone (AQs), die in der Lage sind, multiresistente Gonokokken abzutöten. AQs sind Naturstoffe, die von bestimmten Bakterien produziert werden, um sich gegen konkurrierende Bakterien zu verteidigen. Ein neuartiges AQ-Molekül zeigte eine selektive Wirkung: Es kann effektiv Gonokokken abtöten und gleichzeitig andere Bakterien sowie menschliche Zellen unbeschadet lassen. Die Entdeckung eines Wirkmechanismus, der auf Toxin-Antitoxin-Systemen basiert und einen Selbsttötungsmechanismus in den Gonokokken aktiviert, stellt einen vielversprechenden Fortschritt dar.
Das neu entwickelte Antibiotikum führt zum Abbau des Antitoxins in den Bakterien. Dadurch kann das zuvor inaktivierte Toxin seine tödliche Wirkung entfalten. Diese Forschung könnte nicht nur bei Neisseria gonorrhoeae Anwendung finden, sondern auch bei anderen problematischen Erregern, die ähnliche Toxin-Antitoxin-Systeme besitzen. Solche Erkenntnisse könnten sehr hilfreich sein, um zukünftige Epidemien von Antibiotika-Resistenzen zu bekämpfen, bevor die Behandlungsmöglichkeiten erschöpft sind.
Weltweite Herausforderungen und Perspektiven
Die Erhöhung der Antibiotika-Resistenz, insbesondere gegen Ceftriaxon und Azithromycin, hat in vielen europäischen Ländern bereits zu erheblichen Behandlungsproblemen geführt. Der dominanteste Sequenztyp, ST1407, ist in mehreren europäischen Ländern weit verbreitet. Die Resistenzmechanismen beinhalten hauptsächlich Mutationen, die die Antibiotika-Zielstrukturen beeinträchtigen. Derzeit werden mehrere neue Medikamente entwickelt, darunter Delafloxacin, Sitafloxacin und Zoliflodacin, zusammen mit alternativen Behandlungsmöglichkeiten wie Probiotika und Bakteriophagen.
Die globalen Herausforderungen im Umgang mit Neisseria gonorrhoeae sind vielfältig, und es muss deutlich mehr Forschung betrieben werden, um die Komplexität der Resistenzbildung und deren Übertragungsmechanismen zwischen verschiedenen Bakterienarten zu verstehen. Der Mangel an einem effektiven Impfstoff gegen Gonorrhö sowie die hohe Morbiditätsrate und die Problematik von Co-Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen unterstreichen die Notwendigkeit für innovative Ansätze in der Bekämpfung dieser tödlichen Bakterien.
Die Forschungsergebnisse dieser Studie bieten Hoffnung im Kampf gegen die zunehmende Bedrohung von Antibiotika-resistenten Keimen und könnten einen kritischen Wendepunkt darstellen, um einen wirksamen Schutz gegen diese gefährlichen Bakterieninkubatoren zu entwickeln.
Die Herausforderungen im Umgang mit Neisseria gonorrhoeae und den damit verbundenen Antibiotika-Resistenzen sind allgegenwärtig. Dies macht die Entdeckung neuer therapeutischer Ansätze umso dringlicher.