
Helene Hegemann, die 1992 in Freiburg im Breisgau geboren wurde, hat mit ihrem neuesten Roman „Striker“ erneut auf sich aufmerksam gemacht. Während die Autorin bereits für ihre provokanten Werke bekannt ist, stellt dieser Roman, der 2025 bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht wurde, eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Fragen der Identität und des Lebens in einer von Extremen geprägten Gesellschaft dar. Hegemann, die durch ihren Debütroman „Axolotl Roadkill“ bekannt wurde und später auch wegen Plagiatsvorwürfen in die Kritik geriet, zeigt in „Striker“ die Widersprüche einer modernen, urbanen Existenz auf.
Die Handlung des Romans spielt in einer unbestimmten, möglicherweise in Berlin angesiedelten Stadt während der dunklen Jahreszeiten. Die Protagonistin N, eine Kampfsportlerin, bereitet sich intensiv auf einen entscheidenden Kampf gegen ihre Rivalin vor. Neben ihrem eigenen Training engagiert sich N auch in einem Fitnessstudio, wo sie eine heterogene Gruppe von Menschen trainiert – darunter eine anorektische Frau, einen Turnschuhdesigner sowie eine Spitzenpolitikerin, mit der sie eine leidenschaftliche Affäre hat. Diese Facetten von Ns Leben zeigen ihre Komplexität und das Ringen um Verständnis und Zugehörigkeit im Kontext einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft.
Die Rolle von Striker
Ein zentraler Charakter in „Striker“ ist der mysteriöse Straßenkünstler Striker, dessen Ankunft das Leben der Protagonistin auf den Kopf stellt. Ivy, eine neue Bekannte von N, kündigt an, mit Striker in Ns Wohnhaus zu ziehen. Striker hinterlässt seine Spuren an den Wänden der Stadt und wird von N in ihren Überlegungen und Kämpfen immer wieder integriert. Es wird spekuliert, dass Striker ein Industriekletterer sein könnte, was die Grenzen zwischen Kunst und Alltag, zwischen Hoch- und Popkultur verwischt.
N kämpft nicht nur im Ring, sondern auch mit ihrer eigenen Identität – sie hat eine Gesichtsdeformation, die sie seit ihrer Kindheit begleitet und sie in ihrer Wahrnehmung von sich selbst und ihrer Beziehung zu anderen beeinflusst. Hegemann thematisiert in ihrem Roman den Umgang mit inneren und äußeren Versäuerungen, was die Leserinnen und Leser dazu anregt, über ihre eigenen Vorstellungen von Schönheit und Wert nachzudenken. Das Buch fungiert als ein Akt der Selbstverteidigung, der die Wucht der Lebensumstände in eine narrative Form umwandelt.
Ein dunkles und komplexes Werk
Der Roman wird als dunkel beschrieben und zeigt die harten Kontraste zwischen Reichtum und Armut, food policing und der Suche nach Autonomie. N fühlt sich verloren in einer Welt, die sie nicht vollständig begreift – sie pendelt zwischen den Obdachlosen und dem Sternerestaurant ihrer Geliebten. Hegemann gelingt es, mit ihrer Erzählung ein Universum zu schaffen, das den Leser fordert, sich mit den existenziellen Fragen der Gegenwart auseinanderzusetzen.
„Striker“ ist somit nicht nur ein Roman über Kämpfe im Ring, sondern beleuchtet auch die Kämpfe des Lebens selbst. Hegemann, die inzwischen in der literarischen Szene als Moderatorin für die ARD fungiert und verschiedene Theater- sowie Filmprojekte realisiert hat, zeigt in diesem Werk die Entwicklung ihrer schriftstellerischen Stimme. Ihre Werke, auch ihr vorheriger Film „Deine Brüder“, handeln oft von der Natur der Gewalt und dem Verlust von Kontrolle, was in „Striker“ eindringlich zur Geltung kommt.
Während sich die Diskussion um Hegemanns literarische Beiträge weiterentwickelt, bleibt klar, dass „Striker“ ein tiefgründiges und nachdenkliches Werk im Portfolio der Autorin ist, das die Leser zum Nachdenken anregt und bis zur letzten Seite fesselt.