
In Brasilien gibt es derzeit einen intensiven Diskurs über die Auswirkungen der Militärdiktatur von 1964 bis 1985, angestoßen durch den Film „I’m Still Here“. Der Dokumentarfilm hat sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit Resonanz gefunden, während das Land immer noch mit den Folgen eines gescheiterten Putschversuchs im Januar 2023 zu kämpfen hat. Dabei versammelten sich Tausende von Anhängern des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro auf dem Platz der Drei Gewalten in Brasília, nur eine Woche nach dem Amtsantritt von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva für eine dritte, nicht aufeinanderfolgende Amtszeit. Die Randalierer plünderten den Obersten Gerichtshof, das Nationalkongressgebäude und den Präsidentenpalast, was in schwere Konflikte mit den Sicherheitskräften mündete. Laut der Polizei war diese Gewalt Teil eines mehrgleisigen Plans, Lula zu stürzen und Bolsonaro wieder an die Macht zu bringen. Al Jazeera berichtet.
Lucas Figueiredo, ein Journalist und Autor, hebt hervor, dass ein mangelndes Bewusstsein über die düstere Vergangenheit der Militärherrschaft viele Brasilianer dazu gebracht hat, diese Zeit zu romantisieren. Dieser Nostalgie wurde unter Bolsonaro, einem ehemaligen Armeekapitän und Befürworter der Militärdiktatur, noch Vorschub geleistet. Während seiner Präsidentschaft (2019-2022) hat er wichtige Gremien zur Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur geschwächt und einen Militärführer als „Nationalheld“ bezeichnet. Figueiredo warnt, dass die nicht geahndete Straflosigkeit gegenüber den Verbrechen der Vergangenheit eine direkte Verbindung zu den gegenwärtigen Unruhen hat.
Aktuelle Entwicklungen und Anklagen
Am 18. Februar 2025 erhob Brasiliens oberster Staatsanwalt, Paulo Gonet, Anklage gegen Bolsonaro und 33 weitere Personen wegen Verschwörung zum Sturz der Regierung. Die Vorwürfe beinhalten, dass Bolsonaro planten sollte, Lula zu vergiften und den Obersten Gerichtshof Justiz Alexandre de Moraes zu ermorden. Obgleich Bolsonaro die Vorwürfe vehement bestreitet, ist er bis 2030 von politischen Ämtern ausgeschlossen. Dies erinnert an den Sturm auf das US-Kapitol im Januar 2021, bei dem Bolsonaro mit Donald Trump verglichen wird, dessen Vorgehen als weniger gravierend wahrgenommen wird. Yahoo meldet.
Die politische Situation hat viele Brasilianer schockiert, die sich an die Gräuel der Militärdiktatur erinnern. Ex-Präsident Bolsonaro äußerte wiederholt Zweifel an der Integrität der Wahlen und den elektronischen Wahlmaschinen und trug so zur politischen Polarisierung bei. Ein großer Teil der Bevölkerung hat die Entwicklungen um den Putschversuch als „Massenwahn“ beschrieben, der durch falsche Überzeugungen über Wahlbetrug ausgelöst wurde. Diese Umstände haben die Justiz vor schwierige Herausforderungen gestellt, vor allem in der Verfolgung der Strippenzieher hinter den Putschversuchen, während viele Beteiligte bislang ungestraft geblieben sind.
Gesellschaftliche Reflexion und Film
Marcia Carneiro, Geschichtsdozentin, glaubt, dass ein wachsendes Bewusstsein darüber entsteht, dass auch die Verantwortlichen für die Verbrechen der Vergangenheit zur Rechenschaft gezogen werden können. Ihr zufolge könnte der Film „I’m Still Here“ unter Bolsonaro mit Protesten und Angriffen konfrontiert worden sein, in einem Klima, das Unterdrückung der Meinungsfreiheit begünstigte. Der Film selbst thematisiert die Dynamik innerhalb von Familien, die durch Gewalt und die Erinnerung an die Diktatur gestört werden. Experten argumentieren, dass dieser Fokus auf die familiären Beziehungen das Werk einem breiten Publikum zugänglich gemacht hat, was es von politischen Themen abgrenzt.
Die aktuellen Entwicklungen in Brasilien markieren einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Ein neuer Diskurs über Erinnerung und Verantwortung könnte dazu beitragen, dass Brasilien nicht nur seine Vergangenheit besser verarbeitet, sondern auch eine solide Grundlage für die Zukunft schafft. Tagesschau analysiert.