
In den letzten Monaten hat die Debatte über einen möglichen EU-Beitritt Kanadas an Fahrt gewonnen, angestoßen durch die politischen Turbulenzen unter US-Präsident Donald Trump und wachsende europäische Sympathie. Eine Umfrage des kanadischen Instituts Abacus Data im Februar 2025 zeigt, dass 44 Prozent der Kanadier für einen Beitritt zur Europäischen Union sind. Gleichzeitig lehnen 34 Prozent diese Idee ab, was die Meinungen in der Bevölkerung polarisiert. Die Diskussion wird jedoch durch die EU-Rechtslage kompliziert, da Artikel 49 des EU-Vertrags vorsieht, dass nur europäische Staaten einen Beitrittsantrag stellen können. Daher bleibt die Frage, wie realistisch ein Beitritt tatsächlich ist, weiterhin bestehen.
Die Europäische Kommission hat diplomatisch auf die Umfrage reagiert und auf die Begrenzungen verwiesen, die der EU-Vertrag hinsichtlich der Mitgliedschaft festlegt. Experten betonen, dass Kanada weder geografisch noch kulturell die Kriterien für eine EU-Mitgliedschaft erfüllt. Ein Präzedenzfall, der oft angeführt wird, ist das abgelehnte Beitrittsgesuch Marokkos im Jahr 1987, das ebenfalls nicht als europäischer Staat galt. Peter Van Elsuwege, Professor für EU-Recht, hebt hervor, dass auch die Mitgliedschaft im Europarat als Indikator für eine europäische Identität betrachtet wird, was Kanada nicht vorweisen kann.
Politische Spannungen und wirtschaftliche Synergien
Die politische Bühne Kanadas ist stark von der aktuellen US-Politik beeinflusst. Nach seiner Wiederwahl erklärt Donald Trump Kanada zum „51. US-Bundesstaat“ und kündigt Strafzölle auf kanadische Güter an. Dies sorgt für eine wachsende Besorgnis in der EU, da die Kommission vor möglichen negativen Auswirkungen dieser Zölle auf Verbraucher und Unternehmen warnt. Premierminister Justin Trudeau stellt jedoch bei einem EU-Gipfel die gemeinsamen Werte Kanadas und der EU heraus und betont die wirtschaftlichen Synergien, insbesondere im Energiesektor.
Befürworter eines Beitritts argumentieren, dass Faktoren wie das öffentliche Gesundheitssystem und die kulturelle Nähe, bestehend aus englisch- und französischsprachigen Wurzeln, Kanadas eine besondere Beziehung zu Europa verleihen. Vor dem Hintergrund steigender Feindseligkeiten seitens der Trump-Administration fordern zunehmend Europäer und Kanadier in sozialen Medien einen Beitritt Kanadas zur EU, um sich von Washington zu lösen.
Komplexität der EU-Mitgliedschaft
Obwohl öffentliche und politische Stimmen die Idee unterstützen, bleibt ein formeller Beitritt Kanadas zur EU unrealistisch. Experten warnen, dass Kanada, als große Nation mit einer großen Bevölkerung, die politischen Strukturen der EU überfordern könnte. Zudem könnte ein Beitritt den Handel mit den USA gefährden, was für die kanadische Wirtschaft von entscheidender Bedeutung ist.
In Anbetracht dieser Aspekte dürfte eine strategische Partnerschaft zwischen Kanada und der EU die effektivere Lösung darstellen. Zukünftige Zusammenarbeit könnte durch die Ratifizierung des Freihandelsabkommens CETA und gemeinsame Energieprojekte vertieft werden. Auch wenn die rechtlichen Hürden für einen Beitritt hoch sind, könnten Kanada und die EU weiterhin enge wirtschaftliche und politische Beziehungen pflegen.