
Ein kontroverses Kunstwerk steht im Mittelpunkt einer intensiven Debatte in Spandau, einem Bezirk Berlins. Eine in den 1930er Jahren aufgestellte Skulptur, die einen Adler darstellt, sorgt für Aufregung, da sie als potenziell gefährlich für Kinder angesehen wird. In den vergangenen Wochen hat die Diskussion über die Skulptur, bekannt als „Adler-Horst mit Gelege“, an Brisanz gewonnen. Diese etwa 1,60 Meter hohe Bronze-Statue, die von Max Esser (1885-1945) erschaffen wurde, wurde ursprünglich 1935 als „Denkmal der nationalen Erhebung“ aufgestellt und wird stark mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Unser Mittel Europa berichtet, dass die Skulptur mittlerweile auf einem Kinderspielplatz platziert ist, was für Empörung sorgt.
Gudrun O’Daniel-Elmen, die Erinnerungsbeauftragte der evangelischen Kirche, hat die Diskussion angestoßen und ihr Entsetzen über die Präsenz der Skulptur an einem Ort für Kinder zum Ausdruck gebracht. Sie bezeichnet sie als ein „martialisches Nazi-Machwerk“. O’Daniel-Elmen fordert eine kritische Auseinandersetzung mit der skulpturalen Vergangenheit und hofft auf eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung, die ermitteln soll, ob die Statue als Nazi-Symbol betrachtet werden kann. Bild ergänzt, dass der Fokus auf die Verbindung der Skulptur zur nationalsozialistischen Kunstauffassung gerichtet ist.
Hintergründe zur Skulptur und ihrem Künstler
Der Künstler Max Esser ist bekannt für seine Tierbildhauerei und hatte in der Vergangenheit für verschiedene Porzellanmanufakturen gearbeitet. Er erlangte 1937 einen Grand Prix für seine Fischotter-Plastik auf der Weltfachausstellung in Paris. Esser, der während der NS-Zeit auf der „Gottbegnadeten-Liste“ stand, ist nicht nur für die Adler-Statue verantwortlich, sondern schuf auch ein Wisent-Denkmal für Hermann Göring, das in der DDR-Zeit vergraben wurde. Seine Tier-Skulpturen sind bis heute bei der Meißner Porzellanmanufaktur erhältlich und reichen preislich von 669 bis 28.500 Euro.
Die Diskussion löst unterschiedliche Reaktionen aus. Arndt Meßner von der CDU-Fraktion plädiert dafür, die Skulptur zu erklären, anstatt sie abzubauen. Er sieht in der Aufklärung eine Möglichkeit, mit der belasteten Geschichte umzugehen. Im Gegensatz dazu verlangt Matthias Unger von der FDP-Fraktion eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung der Statue, um die unterschiedlichen Sichtweisen zu klären. Die Grünen unterstützen die Initiative, eine erklärende Tafel anzubringen oder die Statue in die Zitadelle Spandau zu verlegen. Ein weiteres Treffen zur Diskussion über die Zukunft des Kunstwerks ist für November geplant, wobei alle beteiligten Parteien gehört werden.
Der gesellschaftliche Kontext
Die Kontroversen rund um die Skulptur sind nicht nur auf Spandau beschränkt, sondern spiegeln den schwierigen Umgang mit der NS-Vergangenheit in der deutschen Gesellschaft wider. Die nationalsozialistische Kunstauffassung, unter anderem propagiert von Alfred Rosenberg, lehnte die moderne Kunst ab und setzte auf eine kultivierte, rassisch homogenisierte Kunstform. Die Hintergründe des Kunstschaffens unter dem NS-Regime sind geprägt von Ausgrenzung, Zensur und Ideologisierung, was heute in Bezug auf solche Werke kritisch beäugt wird. Das Deutsche Historische Museum beschreibt, wie die nationalsozialistische Kulturpolitik die Kunstszene im Deutschland der 1930er Jahre vollständig dominierte und neu ordnete.
Die Auseinandersetzung um die Skulptur in Spandau verdeutlicht, dass die Reflexion über die eigene Geschichte nach wie vor wichtig und notwendig ist. Sie lädt dazu ein, in den Dialog über Erinnerungsorte und deren Bedeutung in der heutigen Zeit einzutreten. Die Suche nach einem Konsens, wie mit der NS-Vergangenheit umgegangen werden soll, wird auch in Zukunft eine Herausforderung bleiben.